Marco Gallina: Guareschi hat sich selbst nur humorvoll als „Reaktionär“ bezeichnet. Er selbst sah sich eher als freien Geist
Guareschi war kein Feind der Deutschen. Aber er war ein Feind des Totalitarismus. So muss man auch „Signora Germania“ verstehen. Es ist ein anti-totalitäres Traktat, in dem das System das Individuum komplett durchleuchtet, zu einem teuflischen Ersatzgott wird, der über Leben und Tod bestimmt. Aber auch diese allmächtigen Systeme – denn im Grunde könnte man für „Deutschland“ auch die Sowjetunion, Maos China und viele andere Systeme einsetzen – scheitern zuletzt – sagt Marco Gallina im Interview mit Deliberatio.
Olga Doleśniak-Harczuk: In diesem Jahr ist auf dem deutschen Buchmarkt Ihr Buch „Giovannino Guareschi – Don Camillos rebellischer Vater“ erschienen. Was hat Sie dazu bewogen, sich gerade mit der Biografie und dem journalistisch-literarischen Werk dieses Autors zu befassen?
Marco Gallina: Giovannino Guareschi begleitet mich seit meiner Jugend – auch bei mir waren es die Filme mit Fernandel und Cevri, die den Ausschlag gaben. Ich hatte mich aber bereits sehr früh auch mit der Vita Guareschis beschäftigt, die mir selbst wie ein Roman erschien: Satiriker, Kriegsgefangener im Nationalsozialismus, mutiger Journalist im antikommunistischen Abwehrkampf, unbeugsamer Katholik im Widerstand gegen den Zeitgeist. Das Thema Guareschi hat mir meine ersten Publikationen in katholischen Medien ermöglicht. Da war es naheliegend, mich bei ihm zu revanchieren.
Der junge Guareschi musste schon von klein auf für seinen Lebensunterhalt sorgen. Sein Vater war bankrottgegangen, und sein Traum vom Jurastudium an der Universität Parma musste er aus Geldmangel aufgeben. „Neben Nähmaschinen und Grammofonen verkaufte Guareschi Senior vor allem Fahrräder – machte aber kaum Gewinn. Noch in seiner Schulzeit muss Guareschi Junior erleben, wie der Vater sämtliche Möbel verkauft“ – so beschreiben Sie seine damalige Lebenssituation. Wie hat es dieser Junge, der ums Überleben kämpft, soweit gebracht?
Ja, es gab eine Phase, da musste Guareschi sich mit mehreren und wechselnden Jobs über Wasser halten, obwohl sein väterlicher Haushalt ursprünglich bürgerlich war. Guareschi kam entgegen, dass sein zeichnerisches und journalistisches Talent früh auffiel. Aber daneben waren es gleich mehrere Eigenschaften, die seinen Erfolg begründeten. Zwei davon sind entscheidend. Das eine war sein unglaublicher Arbeitseifer. Er arbeitete manchmal drei Tage ohne Pause durch. In einer Woche schrieb er beim „Candido“ 6 Artikel und zeichnete 6 Karikaturen. Manchmal schloss er sich dafür in sein Arbeitszimmer ein, die Familie versorgte ihn dann mit einem kleinen Aufzug mit Orangen und Kaffeepulver. Guareschi war buchstäblich eine „Schreibmaschine“. Die andere Eigenschaft war seine unbändige Zähigkeit. Man könnte auch sagen: er war ein unverbesserlicher Dickkopf. Da ähnelt er auch stark seinen Charakteren. Aber was er sich einmal in den Kopf setzte, das ließ ihn nicht mehr los. Das galt für seinen Kampf gegen alle Widrigkeiten in seinem Leben. Das hat ihn am Ende leider auch seine Freiheit und sein Ansehen gekostet, als er gegen die Christdemokraten austeilte.
Während des Zweiten Weltkriegs teilte Guareschi das Schicksal von 600 000 italienischen Soldaten, die sich gegen die Kollaboration mit dem III. Reich gewehrt haben, und hatte den Status des italienischen Militärinternierten (IMI) und wurde im Stalag 367 Tschenstochau interniert. Wie hat es ihn geprägt? Im Gegensatz zu vielen anderen in seiner Lage ging er keine Zusammenarbeit mit den Deutschen ein, sondern blieb seinen Überzeugungen treu. Welche Motive standen damals hinter seiner Entscheidung – theoretisch hätte er den leichteren Weg wählen können...
Tatsächlich haben die Deutschen Guareschi kaufen wollen. Er war bereits in Lagerzeiten ein bekannter Journalist, den die Nazis gerne als Kollaborateur missbraucht hätten. Man machte ihm den Vorschlag, dass er wieder als Journalist bei einer Zeitung arbeiten könnte, die unter faschistischer Kontrolle stand. Guareschi hat das kategorisch ausgeschlossen. Er sah so etwas als Verrat an. Dieser Verrat hatte mehrere Komponenten. Zuerst einmal war Guareschi Monarchist. In Italien herrschte Krieg zwischen der Marionettenregierung von Salò unter Mussolini und dem weiterhin vom Königreich Italien kontrollierten Süden. Gegen seinen König zu kämpfen, das kam für ihn nicht infrage. Stolz verkündete er: „Ich bin ein Soldat der Königlichen Armee!“
Es ging aber auch um sein persönliches Gewissen. Gewissen, das ist bei Guareschi keine Gefühlsregung, sondern ein katholisch gebildetes Gewissen. Er zog Krankheit, Hunger und Dreck vor, denn er sah sich weiterhin in soldatischer Pflicht zu seinem Vaterland und zu seinen Kameraden – die er mit Geschichten und Karikaturen im Lageralltag aufheiterte. Seine Aufgabe war es, in diesen düsteren Tagen Trost zu spenden und die Position des Moraloffiziers einzunehmen. Mit den Nazis zusammenzuarbeiten, das wusste Guareschi, wäre wie mit dem Teufel zusammenzuarbeiten. Sie retten vielleicht ihr Leben, sie verlieren aber alles, was sie als Mensch, als Individuum ausmacht.
Bleiben wir einen Moment bei seiner Internierung im Stalag in Częstochowa. In dem Buch schreiben Sie u. a.: „Bei den katholischen Polen – findet der Italiener (…) ein Stück Heimat. Während das Madonnenbild den Gläubigen am Nachmittag gezeigt wird, spielt die Orgel einen Hymnus von Perosi. Guareschi entdeckt Florentiner Tuffstein und den Namen eines italienischen Bildhauers. Es ist der 28. September 1943, und nach einem Monat voller Verzweiflung, Schmutz und Elend erblicken die Italiener die Schwarze Madonna…“ – Wie hat diese Erfahrung – sowohl der Gefangenschaft wie auch der Begegnung mit dem polnischen Katholizismus – seinen Glauben geprägt?
Guareschi hat eine innige Beziehung zum polnischen Volk. Er erinnert sich immer wieder an die Großzügigkeit dieser Menschen in der Gefangenschaft zurück; die Landschaft Polens erinnert ihn an seine Heimat in der Po-Ebene. Ja, Guareschi ist sogar überzeugt, dass die Familie Guareschi polnischer Abstammung ist. In der Frühen Neuzeit, so geht die Familienlegende, habe sich ein polnischer Söldner im Zuge der vielen Kriege in Norditalien niedergelassen. Und auch die Mentalität der Polen, die spricht ihm ganz eindeutig zu. Für ihn sind die Deutschen funktional, mechanisch denkende Menschen, des Glaubens komplett entkleidet, wie Uhrwerke. Die Polen mit ihren tiefen christlichen Wurzeln, über so viele Jahrzehnte von den Nachbarvölkern unterdrückt und aufgeteilt – das ist ein Topos, der auch der italienischen Nationalbewegung nicht fremd ist. Guareschi hängt den Ideen des Risorgimento an, und bekanntlich nimmt ja nicht nur die polnische Nationalhymne auf Italien Bezug, sondern auch die italienische Nationalhymne (die damals nur eines von vielen patriotischen Liedern war) auf Polen. Guareschi kannte also sehr wohl die Passage daraus: „Der österreichische Adler hat das Blut Italiens, das Blut Polens mit den Kosaken getrunken“. Und ohne es auszusprechen, so liest man doch sehr stark in seinen Schilderungen, dass er darum wusste, dass die Polen der leidende Christus Europas sind. Er hat sich als Leidender in der Fremde demnach auch mit den Polen sehr gut identifizieren können. Er hält auch den Katholizismus der Polen für unpolitischer. In den 1950ern wünscht er sich deswegen einen polnischen Papst, der der italienischen Kirche „auf die Mauer spuckt“. De facto hat er also Johannes Paul II. prophezeit.
„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ – klingt der berühmte Vers von Paul Celan, Guareschi schrieb in seinem Manifest über „Signora Germania“. Was hat er genau damit gemeint?
Guareschi war kein Feind der Deutschen. Aber er war ein Feind des Totalitarismus. So muss man auch „Signora Germania“ verstehen. Es ist ein anti-totalitäres Traktat, in dem das System das Individuum komplett durchleuchtet, zu einem teuflischen Ersatzgott wird, der über Leben und Tod bestimmt. Aber auch diese allmächtigen Systeme – denn im Grunde könnte man für „Deutschland“ auch die Sowjetunion, Maos China und viele andere Systeme einsetzen – scheitern zuletzt. Sie scheitern daran, dass wir Menschen nicht bloß Fleisch und Knochen sind, die man auf Bedürfnisse und Materie reduzieren kann. Es bleibt die göttliche Seele, es bleibt die innerlich bewahrte Menschlichkeit, die uns nicht zu Tieren degradiert. Das menschliche Individuum, das Gottes Willen befolgt – das kann immer noch heilig werden, immer noch Hoffnung haben, immer noch lieben und glauben. Dieser christliche Mensch, der kann nicht bestimmt werden. Da kann „Signora Germania“ mit Panzern, Stacheldrähten, Erschießungen und Massenmorden nichts ausrichten, wenn das Seelenheil oder die Liebe zu Familie und Heimat eine größere Bedeutung haben.
„Meine Schule des politischen Journalismus habe ich in einem Lager gemacht (…) In dieser harten Schule habe ich gelernt, wie schön, wie männlich, wie zivilisiert es ist, öffentlich das zu sagen, was man denkt – insbesondere dann, wenn dies mit einer großen Gefahr verbunden ist.“ – berichtete Guareschi, und in dem Kapitel, das der Internierung des Protagonisten Ihres Buches gewidmet ist, schildern Sie dramatische Geschichten seiner Leidensgenossen, darunter die von Hauptmann, der verhungerte, aber kein Stück der Schokolade anrührte, die er vor seiner Inhaftierung für seine Kinder gekauft hatte. Inwieweit haben solche Erinnerungen, die er in „Diario Clandestino“ beschrieben hat, nicht nur seine journalistischen Fähigkeiten, sondern auch seine universelle Haltung zu den Themen Leben, Tod, Freiheit, Verantwortung und Prinzipientreue geprägt?
Erst in den vier Lagern – zwei in Polen, zwei in Deutschland – reift Guareschi zu dem Journalisten und Schriftsteller heran, den wir heute kennen. Sie haben da schon einige sehr wichtige Punkte genannt. Wenn Sie im Lager auf die nackte Existenz zurückgeworfen werden, stellen Sie sich die wichtigen Fragen. Gott und Gewissen nehmen ab dieser Zeit eine zentrale Stellung in Guareschis Schaffen ein. Wie schon erwähnt: so lange es höhere Dinge gibt, gibt der Mensch nicht auf. Guareschi bringt es auf die Phrase: Ich werde nicht sterben, selbst wenn sie mich umbringen!
Die Hinrichtungen, die kommunistische Truppen nach dem Krieg unter dem Vorwand der Bekämpfung des Faschismus an Geistlichen vollzogen, die Massengräber, die Ermordung von Rolando Rivi, eines kaum 14-jährigen Seminaristen – wie wirkte sich all das auf Guareschi aus?
Der Terror in der Emilia-Romagna im „Dreieck des Todes“ war eine nationale italienische Tragödie, die aber bis in die jüngste Zeit hinein beschwiegen wurde, aufgrund der bis in die 1990er Jahre bestehenden politischen Konstellationen in Italien. Die kommunistischen Partisanen waren die „Sieger“ und konnten sich eine menschenverachtende Lynchjustiz herausnehmen, weil sie von ihren lokalen Parteifreunden gedeckt wurden. Für Guareschi war das deswegen bitter, weil er selbst aus der Gegend stammte. Die „rote Emilia“ war seine Heimat. Und exakt dort finden die schlimmsten Verbrechen statt. Nach dem Krieg sind die linken Kräfte des neuen Establishments in Feierlaune, das darf nicht getrübt werden. Guareschi sieht sich als Chronist der kommunistischen Verbrechen, die er in seiner neuen Zeitung „Candido“ wöchentlich veröffentlicht. Es ist ein düsterer, bitterer, aber wichtiger Dienst. Er gehört zu den wenigen Publizisten Nachkriegsitaliens, die hier den Finger tief in die Wunden legen. Dafür erhält er Beschimpfungen als „Faschist“ und Morddrohungen. Für Guareschi bedeuten die Vorgänge aber vor allem eins: Die Italiener haben nichts gelernt. Sie haben einfach die eine totalitäre Ideologie gegen die andere getauscht.
Don Camillo – die Figur eines temperamentvollen Priesters, die Guareschi erfunden hat und die von Lesern und später von Zuschauern auf der ganzen Welt geliebt wurde – passte eigentlich gar nicht in den linksgerichteten Mainstream Italiens, und doch, als La Stampa im Sommer 1988 die Frage nach der beliebtesten Romanfigur ihrer Leser stellte, war das Ergebnis verblüffend: Mit deutlichem Vorsprung gewann Don Camillo. Wen hat er damals in diesem harten Wettbewerb besiegt, und warum war das für damalige Verhältnisse ziemlich überraschend?
Umberto Ecos „Name der Rose“ mit seinem Detektiv-Mönch William von Baskerville war in den 1980ern sehr angesagt. Überdies war diese Figur zutiefst „modern“: sie bediente also den linksliberalen Zeitgeist. Insofern war das Ergebnis, dass der eher traditionelle, etwas burleske Landpfarrer Don Camillo bei der Umfrage gewann, nicht nur überraschend – es zeigte exemplarisch den Unterschied zwischen den Vorlieben der Intellektuellen und der eigentlichen Leser. Aber diese Kluft gab es schon ja zu Guareschis Lebzeiten. Wie viel von Umberto Eco bleiben wird, werden wir in den nächsten Jahrzehnten sehen. Guareschi ist und bleibt der meistverkaufte italienische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Ein Fakt freilich, der die linken Intellektuellen bis heute bedrückt.
Pater Paolino – ohne ihn gäbe es keinen Don Camillo. Wer war für Guareschi das Vorbild für seinen berühmtesten Helden?
Pater Paolino, den Guareschi bei seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft kennenlernte, ist eine von vielen prägenden Persönlichkeiten. Guareschi hat aber selbst einmal gesagt, dass in Don Camillo zahlreiche, reale Priester eingeflossen sind (ähnlich übrigens wie Peppone aus zahlreichen Persönlichkeiten besteht). Alberto Guareschi, der Sohn von Giovannino, hat mir auf Nachfrage zu diesem Thema gleich eine ganze Liste von Personen gegeben. Ich nenne hier nur einige: Lamberto Torricceli, Pfarrer von Guareschis Wohnort Marore; Alessandro Parenti aus Trepalle; Giuseppe Saibene aus Nosate; Giovanni Anonietti, Militärkaplan der Alpini. Ich glaube, die eigentliche Kunst Guareschis bestand daraus, dass er einen Archetyp geschaffen hat, der aber zugleich in realen Personen wurzelt. Deshalb erscheint uns Don Camillo gleichzeitig so bekannt und topisch, und zugleich als fassbarer Mensch mit Stärken und Schwächen.
„Die Triade aus Pfarrer, Kommunist und Erlöser ist Teil von Guareschi selbst. Don Camillo und Peppone sind nicht nur Repräsentanten eines politischen Gegensatzes. Sie sind zwei Seiten einer Person.“ Könnten Sie die Komplexität von Guareschis Persönlichkeit etwas genauer erläutern?
Es gibt einen bestechenden Grund, warum Guareschi die Kommunisten zwar deftig verspottet, aber niemals entmenschlicht: Er kommt aus einem Milieu, das selbst stark geprägt ist von ländlichem Katholizismus und dem Sozialismus der Arbeiterbewegung. Sein Vater ist mit Giovanni Faraboli bekannt, einem Gewerkschaftsführer, der massive Ähnlichkeiten mit Peppone aufweist. Diese Sozialisten sind keine ideologischen Revolutionäre: sie stehen auf der sozialistischen Lehre, aber es geht ihnen darum, die Verhältnisse vor Ort zu verbessern. Diese „Roten“, die sind wie Peppone, der zwar falsche Ansichten hat, aber am Ende doch das Beste für sein Dorf will. Und diesem „pragmatischen“ Milieu der Roten, dem steht Guareschi im Grunde nicht fern. Als Katholik kennt Guareschi die Soziallehre, der britische Kapitalismus ist ihm wirtschaftspolitisch fremd wie der Kommunismus. Also: Seine Mutter war eine katholische Monarchistin, sein Vater stand den sozialistischen Idealen nicht fern. Und Guareschi – unter roten Fahnen an einem 1. Mai geboren! – erinnert sich noch im Alter gerne an den Arbeiterführer Faraboli und die Arbeiterlieder, die man sang. Guareschi ist ein Anti-Kommunist, aber er kennt diese Welt in- und auswendig. Es ist ihm wichtig, dass die Kommunisten keine Kommunisten mehr sind und geläutert werden – nicht, dass die Kommunisten einfach verschwinden.
Was hat Guareschi mit Hans Milch oder Bischof Fulton J. Sheen zu tun?
Hans Milch war ein begnadeter Prediger aus dem traditionellen, katholischen Milieu, der die alte Messe fortführte und auch mit einigen Ideen des Zweiten Vatikanischen Konzils brach. Was Milch aber neben der Alten Messe – die Guareschi sehr geschätzt hat – mit dem Italiener verbindet, war die starke Konzeption des Individuums im Kontrast zur Masse. Sinnsuche, Schicksal, Erlösung – das kann nicht in der Masse stattfinden, das war Milchs Credo des „Gottmenschentums“. Ebenso hat Guareschi Jesus sagen lassen: Am Ende steht nur der Mensch vor Gott allein und muss sich rechtfertigen. Er kann nicht sagen: Die öffentliche Meinung, der Vorgesetzte oder „alle anderen“. Man kann sein Gewissen nicht abgeben.
Bischof Fulton Sheen war gewissermaßen der Antipode als populärer, der Kirche treu gebliebener Fernsehstar der 1950er Jahre. Als Phänomen fällt er mit den Don-Camillo-Filmen zusammen. Sheen hat auf beeindruckende Weise tiefe Glaubensweisheiten über den Fernsehschirm ins amerikanische Wohnzimmer gebracht. Zugleich war auch Sheen niemand, der Glaubenswahrheiten verwässert hat, sondern sehr deutlich austeilen konnte – und dennoch Humor und Menschlichkeit behielt. Hier spiegelt sich also die andere Facette Guareschis wider.
»Im Geheimen der Wahlkabine sieht dich Gott – Stalin nicht!« Das ist die Bildunterschrift zu einer Karikatur, die in „Candido“, einer Satirezeitschrift und der Heimat von Guareschi, veröffentlicht wurde. Die Kommunisten hatten es nicht leicht mit ihm ...
Ich vermute, dass kein italienischer Journalist oder Autor so viel gegen den Kommunismus angeschrieben, unternommen und bewirkt hat wie Giovannino Guareschi. Er hat sogar die entscheidenden Wahlen von 1948 beeinflusst, wo es eng zu werden drohte bei der Frage nach einem christdemokratischen oder kommunistischen Italien. Seine Wochenzeitung „Candido“ war mit 300.000 bis 400.000 Exemplaren eine wichtige Stimme. Der von Ihnen erwähnte Spruch schaffte es dann sogar auf Wahlplakate der Christdemokraten – eine sehr populäre Kampagne übrigens. Selbst bei seinem Tod gab es nur ätzende Nachrufe auf Guareschi. Ihren Frieden haben sie nie mit ihm gemacht.
Sie schreiben in Ihrem Buch über Guareschis besondere Haltung gegenüber dem Konformismus und über bestimmte Klischees, die immer wieder auftauchen, wenn es um seine Weltanschauung geht. Was sollte man darüber wissen, um voreilige Schlussfolgerungen zu vermeiden?
Guareschi hat sich selbst nur humorvoll als „Reaktionär“ bezeichnet. Er selbst sah sich eher als freien Geist. Man darf nicht vergessen, dass er seine Karriere als Satiriker bei einem Humorblatt im Faschismus anfing. Er war also bereits damals jemand, der gar nicht zugeordnet werden konnte. Guareschi hat lediglich seine konservative, patriotische, katholische, freiheitliche Ausrichtung beibehalten. Er sah sich damit konfrontiert, dass aber eine auf gesundem Menschenverstand beruhende Weltanschauung das genaue Gegenteil dessen war, was der Kulturbetrieb wollte. Ob man sich in eine faschistische, eine kommunistische, oder – um ein heutiges Beispiel aufzunehmen – LGBTQ-Flagge hüllt, war für ihn dieselbe konformistische Krankheit: mitmarschieren, dabei sein, nicht weiter nachdenken, „zu den Guten“ gehören. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass Guareschi nicht nur den Kommunismus, sondern auch die ab den 1950ern grassierende Konsumkultur, die ja nur ein Materialismus von der anderen Seite war, zutiefst verachtete. Letztendlich sind alle dieses Phänomen darauf gerichtet, Gott und Familie abzuschaffen – und damit das, was Wahrheit und den Menschen ausmacht.
„Guareschi blieb zeitlebens unangepasst. Aber er lebte nicht aus Provokation, wie es andere Journalisten taten – oder heute tun.“ Das ist ein weiteres Zitat aus dem Buch. Finden Sie nicht, dass das Nicht-Dazugehören, unabhängig von der Zeit, in der wir leben, an sich schon als Provokation aufgefasst werden kann?
Bekenntnisse werden heute wie damals von allen Seiten eingefordert. Guareschi wurde zum Verhängnis, dass er gegen die Kommunisten und gegen die Christdemokraten war, und am Ende keine Verbündeten besaß. Er sah sein Gewissen als maßgeblich bei Entscheidungen an. Dieser Hang, Menschen in Schablonen einzuordnen, besteht und bestand in allen Lagern. Die Mechanismen sind dieselben. Ich kann da aus eigener Erfahrung sprechen. Man wird verdächtig, wenn man nicht auf Parteilinien oder gesellschaftlichen Konsens – oder eben: Konformismus – hört, sondern auf ewige Wahrheiten. Aber das gehört dazu, wenn man Christus folgt.
„Cancel Culture“, das Verschweigen oder Ausblenden der Leistungen einer Person – glauben Sie, dass auch Don Camillos Vater Opfer dieses Phänomens geworden ist?
Definitiv ja. Es ist allerdings etwas paradox. Das Phänomen Don Camillo ist so groß, dass es nie eingehegt werden konnte. Obwohl man die Bücher nicht rezensierte, die Filme sogar lächerlich machte. Der linke Kulturbetrieb tat alles, um Guareschi totzuschweigen. Aber das einfache Volk, dem Guareschi immer zugetan war, hat seine Figuren geliebt. Das führt zur Diskrepanz, dass Don Camillo heute weltberühmt ist, der geschasste Guareschi dagegen kaum. Auch das war ein Grund, dieses Buch zu schreiben. In Italien wird Guareschi nämlich in den letzten beiden Jahrzehnten wiederentdeckt – als dezidiert konservativer Schriftsteller und Publizist, der für Konservative abseits der Christdemokratie und Zentristen ein Vorbild sein kann. Was Guareschi früher geschadet hat, nämlich keiner Partei anzugehören, macht ihn heute so interessant. Seine Gegner dagegen, politisch wie medial, spielen heute keine Rolle mehr.
Ich bedanke mich für dieses Gespräch!
„Giovannino Guareschi – Don Camillos rebellischer Vater“, Marco Gallina, Westend Verlag, 2026









Kommentare (0})