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Von Warschau aus gesehen, von Brüssel aus gesehen: War die deutsche Wiedervereinigung ein Fehler?

2023-12-01
Zeit zum Lesen 8 min
Wie kann man so eine Frage überhaupt stellen? Schließlich erkennen wir den Grundsatz des Rechts der Völker auf Selbstbestimmung, auf Unabhängigkeit, auf die Bestimmung ihres eigenen Schicksals, auf eigene kollektive Entscheidungen an. Und war der Fall der Berliner Mauer nicht einer der glanzvollsten Momente der jüngeren europäischen Geschichte? Wäre es Mittel- und Osteuropa ohne die deutsche Wiedervereinigung möglich gewesen, sich vom Kommunismus und von der russischen Dominanz zu befreien?


Die polnische antikommunistische Opposition war der Ansicht, dass die deutsche Wiedervereinigung ein natürlicher und für ganz Europa vorteilhafter Prozess und sogar eine Voraussetzung für geopolitische und systemische Veränderungen in unserer gesamten Region sei. Polen, das sich aus der Bärenumarmung Russlands befreien wollte, war bereit, sich vertrauensvoll in die Arme Deutschlands zu begeben, das in den Nachkriegsjahren bereits umerzogen, demokratisiert und okzidentalisiert worden war.

François Mitterand und Margaret Thatcher waren jedoch damals besorgt, während die Amerikaner - George Herbert Bush - die Wiedervereinigung nachdrücklich unterstützten. Die amerikanische Politik setzt auch heute noch auf die dominante Stellung Deutschlands in Europa. Wer sich daran nicht erinnert, lebt in seiner eigenen Wunsch- und Traumwelt. Margaret Thatcher fürchtete sich so sehr vor der neuen deutschen Expansionslust, dass sie bei einem Abendessen am 8. Dezember 1989 während des Gipfels der europäischen Staats- und Regierungschefs unverblümt erklärte: „Wir haben die Deutschen zweimal geschlagen, und jetzt sind sie wieder aufgestanden." Im März 1990 lud sie Historiker und Politiker zu einer Diskussion nach Chequers ein, die die Frage "Wie gefährlich sind Deutsche?" beantworten sollten. Diese teilten jedoch nicht ihre Einschätzung der Lage und überzeugten sie, dass die deutsche Wiedervereinigung mit Einfühlung und Sympathie angegangen werden müsse. Mitterand hingegen teilte ihre Bedenken, war aber der Meinung, dass eine engere Einbindung Deutschlands in die europäischen Strukturen die Gefahr beseitigen würde, und drängte aus Angst vor der wirtschaftlichen Dominanz Deutschlands auf die Einführung einer gemeinsamen Währung. Die Franzosen haben bisher an dieser Politik festgehalten, obwohl ihre Position gegenüber Deutschland nicht zuletzt durch die Währungsunion zunehmend geschwächt wurde. Die Briten hingegen haben sich lieber aus der EU zurückgezogen und den Kontinent seinem Schicksal überlassen. 

Polnische Bedenken betrafen 1989/1990 nur die Frage der endgültigen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Später, mit der Unterzeichnung des Grenzvertrages und des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags, wurde die These, dass wir mit Deutschland durch eine Interessengemeinschaft verbunden sind, zum Axiom der polnischen Außenpolitik. Die polnisch-deutsche Versöhnung wurde als Grundlage der neuen politischen Ordnung in Europa angesehen. Ihre offensichtliche Schwäche war nicht nur ihr Verschweigen von Fragen, die für die Polen von grundlegender Bedeutung waren, wie z.B. Kriegsreparationen und Entschädigungen für die Opfer deutscher Verbrechen, sondern auch die Erlaubnis für unseren neuen Verbündeten, in viele Bereiche des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens Polens einzudringen, ohne das durch die Staatsräson einzuschränken.

Man muss allerdings hinzufügen, dass vor 1989 auch die Deutschen selbst Zweifel an der Zweckmäßigkeit der Wiedervereinigung hatten, obwohl diese im Grundgesetz verankert war und sie offiziell nie in Frage gestellt wurde. Ich erinnere mich aber an eine Zeit, in der im Grunde niemand in der Bundesrepublik mehr ernsthaft über die deutsche Wiedervereinigung nachgedacht hat. In meinem Bekannten- und Freundeskreis in akademischen Kreisen gab es niemanden, der dies für eine realistische und wünschenswerte Perspektive hielt. Es herrschte die Meinung vor, dass die Schaffung eines großen - einigermaßen vereinten - deutschen Staates das verhängnisvolle Werk Bismarcks sei und dass die natürliche Form des politischen Lebens der Deutschen darin bestehe, in einer Vielzahl von Staaten zu leben.

Zufälligerweise waren am Tag des Mauerfalls zwei deutsche Freunde von mir, die später sozialdemokratische Bürgermeister von Kleinstädten im Süden des Landes wurden, in Warschau. In Ursynów sahen wir auf dem Bildschirm eines kleinen sowjetischen Fernsehgeräts Szenen aus Berlin. Als ich erklärte, dass die deutsche Wiedervereinigung nun stattfinden würde, protestierten sie. "Ich bin Bundesrepublikaner!" - rief einer von ihnen, der sich für einen Patrioten der Bonner Republik hielt. Beide glaubten, dass auch die ostdeutschen politischen Aktivisten ihre Unabhängigkeit und Eigenständigkeit bewahren wollten und dass die Bundesrepublik Deutschland und die DDR schließlich getrennte Staaten bleiben würden.

Heute frage ich mich, ob diejenigen, die damals der deutschen Wiedervereinigung skeptisch gegenüberstanden, nicht Recht hatten. Sollten wir, Liebhaber der deutschen Kultur - der großen Musik, der Literatur, der Philosophie, wir Deutschland-Freunde, die Deutschland das Beste wünschen, nicht dem großen französischen Schriftsteller François Mauriac Recht geben, der erklärte, Deutschland so sehr zu lieben, dass er froh war, dass es zwei deutsche Staaten gibt.

Unser polnischer Fehler war, dass wir unsere Denkkategorien in einen völlig anderen Kontext übertragen haben. Die Deutschen haben nie, wie die Polen, in landesweiten Aufständen für die Unabhängigkeit gekämpft. Ihr durch Napoleon gewecktes Nationalbewusstsein war nur auf Elitekreise beschränkt. Die deutsche Nationalbewegung strebte die Vereinigung von Kleinstaaten an und kämpfte gegen ihre feudalen Herrscher; Preußen und Österreich rivalisierten um Vorherrschaft und darüber, welcher dieser Staaten diese Vereinigung vollziehen sollte. Es war also vor allem ein innerdeutscher Kampf.

Darüber hinaus hat Deutschland als Staat in der Form von 1990 nie existiert und war auch in der Vergangenheit (abgesehen von einer kurzen Phase nach dem Anschluss Österreichs und vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs) nie ein Nationalstaat. Ein Nationalstaat war weder das Erste Reich - das Heilige Römische Reich - noch das Zweite Reich, außerhalb dessen es zahlreiche deutsche Staaten gab. Ein bedeutender deutscher Historiker erinnert uns daran: "Österreich, die Ostprovinz der ehemaligen Bayern, das Land des jahrhundertelang in Frankfurt gekrönten Kaisers, war fortan kein deutsches Land mehr. Auch Holland, das einst einen König gestellt hatte, auch das Reichsflandern und Luxemburg, dessen Grafenhaus einmal mit Karl IV. einen ruhmreichen Kaiser hervorgebracht hatte, auch die Schweiz, innerhalb deren Grenzen die namensgebende Burg des letzten Kaiserhauses lag: Sie alle legten sich eine neue Nationalität zu." (Johannes Fried, Die Deutschen. Eine Autobiographie aufgezeichnet von Dichtern und Denkern, München 2018, S. 165)

Kein Wunder also, dass die Deutschen die Idee des Nationalstaates und der Selbstbestimmung der Nationen weder verstehen noch schätzen. Stattdessen haben sie den Ehrgeiz, ganz Europa zu ordnen, und glauben an die besondere universelle Mission Deutschlands. Die Teilvereinigung Deutschlands 1870 setzte sofort die imperialen Neigungen in Gang, die zu den beiden Weltkriegen führten. Heute zeigen die Deutschen keinen Hang zum Militarismus, aber sie sind fest davon überzeugt, dass der Geist der Zeit oder die Logik der Geschichte von ihnen verlangt, Europa zu führen - auch wenn sie immer wieder beschämende Fehler begangen haben, die sie nicht verstecken können. Als Staat weigern sie sich, andere europäische Länder als gleichberechtigt zu behandeln - nur für Frankreich machen sie eine widerwillige Ausnahme. 

Haben also jene alten deutschen Freunde und Bekannten von mir, die befürchteten, dass die deutsche Vereinigung (und de facto nur die Erweiterung der ehemaligen BRD um die DDR-Gebiete) früher oder später zu einer Erneuerung des deutschen Imperialismus führen würde, die Zukunft richtig vorausgesehen? Heute wären sie selbst über eine solche Annahme empört, denn dieser Neoimperialismus ist in das Gewand der Union gekleidet, an das sie wirklich glauben. Die Mehrheit der so genannten einfachen Deutschen, die trotz aller Schroffheit ihrer Gewohnheiten im Grunde gutherzige und gutmütige Menschen sind, sind davon überzeugt, dass alles, was ihr Staat tut, es für Europa tut, dass je mehr Macht er hat, desto besser für Europa, für uns alle, für die Welt. 

Es schien, dass nach dem bisherigen Scheitern der deutschen Ostpolitik und der Energiepolitik die Zeit für einen "Urlaub von der Führung", für eine Gewissensprüfung und Besinnung gekommen wäre. Doch der deutsche Staat hat sich schnell wieder aufgerappelt - trotz der sich vertiefenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Und es wird immer deutlicher, dass die deutsche politische, wirtschaftliche und kulturelle Elite in ihrem Bestreben, die Europäische Union von einem Staatenbund in einen zentralisierten Bundesstaat umzuwandeln, die meisten europäischen Staaten als eigenständige politische Einheiten abschaffen und gleichzeitig so viel Macht wie möglich in der Europäischen Union für sich ergreifen will.

Wäre es also nicht besser für Europa als Ganzes, wenn es neben Österreich und den deutschsprachigen Schweizer Kantonen mindestens zwei weitere deutsche Staaten gäbe - oder sogar noch ein paar mehr, wie Bayern oder Sachsen? Wäre es auf diese Weise nicht einfacher, das politische Gleichgewicht in Europa zu sichern? Und wäre es nicht besser - auch für das mentale Gleichgewicht der deutschen politischen Klasse, die einerseits große - unrealistisch große - Führungsambitionen nicht nur in Bezug auf Europa, sondern auf die Welt insgesamt hat und andererseits mit dieser Aufgabe überfordert zu sein scheint - und daran scheitert und somit Europa in eine falsche oder gar katastrophale Richtung treibt?

 

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